Doktorarbeit - Ja oder Nein? Entscheidungshilfe
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Doktorarbeit – Ja oder Nein? In 21 Schritten zu mehr Klarheit!

Fast jeder Naturwissenschaftler quält sich nach dem Master mit der Frage herum, ob eine Doktorarbeit beruflich und persönlich Sinn macht. Die, die Lust darauf haben, machen sich Sorgen, dass sie beruflich auf der Strecke bleiben und die Familienplanung darunter leidet.

Die, die keine Lust darauf haben, glauben, ohne Doktortitel nicht ernst genommen zu werden und keine Karriere machen zu können. Ich finde, beides sollten keine Gründe sein, etwas anzufangen oder aufzugeben, das einem wichtig ist. Eines solltest du auf jeden Fall bedenken: So eine Doktorarbeit kostet dich ca. 35 Jahre deines Lebens und du hast es auf jeden Fall verdient, diese Zeit zu genießen und Freude daran zu haben.

Ob das so sein wird, ist sehr schwer vorherzusagen und hängt von sehr vielen verschiedenen Faktoren ab. Aber trotzdem gibt es ein paar Punkte, die maßgebend dafür sein können, ob du mit deiner Doktorarbeit glücklich wirst. Im Folgenden habe ich 21 Faktoren aufgelistet, die du in deine Entscheidung mit einbeziehen solltest. Manche haben mit dir selbst zu tun, andere beziehen sich auf äußere Bedingungen, denn auch die sind nicht zu unterschätzen.

 

1. Der Titel ist dir persönlich wichtig.

Ein ziemlich banaler Punkt, der aber tatsächlich für die persönliche Entscheidung eine große Rolle spielen kann. Hier solltest du so ehrlich wie möglich zu dir sein: Es kann schon ein richtig gutes Gefühl sein, sich die zwei Buchstaben aufs Klingelschild schreiben zu dürfen. Wem Prestige und gesellschaftliches Ansehen sehr wichtig sind, der wird später unter Umständen bereuen, die Chance auf einen Titel nicht wahrgenommen zu haben.

Trotzdem sollte einem immer bewusst sein, dass ein Doktortitel auch kein Garant für einen hohen sozialen Status, beruflichen Erfolg oder Wohlstand ist. Wer keinen Spaß am wissenschaftlichen Arbeiten hat, wird die Motivation nur sehr schwer über so lange Zeit aufrechterhalten können. Im schlimmsten Fall muss man sich regelrecht durch die Promotion quälen.

 

2. Der Titel ist für deine berufliche Zukunft wichtig.

Gerade in den Naturwissenschaften sind Doktortitel noch sehr verbreitet. Es kann dann richtig schwer werden, ohne Promotion zur Führungskraft aufzusteigen. Das heißt aber nicht, dass es für Masterabsolventen keine Jobs gibt. Denn so ein Titel muss schließlich auch bezahlt werden. Auch verantwortungsvolle Positionen sind dabei nicht ausgeschlossen. Viele davon finden sich besonders im Projekt- oder Qualitätsmanagement.

Aus meinem Umfeld weiß ich, dass Zusatzkenntnisse in BWL, Rhetorik oder Projektmanagement die Jobsuche mit Masterabschluss enorm vereinfachen.

 

3. Du hast dich umfassend über Vor- und Nachteile einer Promotion informiert.

Immer wieder entscheiden sich Studenten, die sehr zügig studiert haben, für eine Promotion. Oft ist das der einfachste Schritt nach dem Masterabschluss: Man bleibt in der Gruppe, in der man schon die Masterarbeit geschrieben hat, viele Kommilitonen promovieren ebenfalls und man ist eigentlich auch noch gar nicht so wirklich bereit richtig zu arbeiten.

Auf dem Arbeitsmarkt fühlt man sich unsicher und möchte das gewohnte Umfeld noch nicht wirklich verlassen. Das sind sehr nachvollziehbare Gründe und ich kenne dieses Gefühl selbst. Trotzdem darf man eine Promotion nicht mit einer Verlängerung des regulären Universitätsstudiums vergleichen.

Die Arbeitsbelastung ist in der Regel ungleich höher, man hat wenige Ansprechpartner, arbeitet oft völlig eigenverantwortlich und muss Probleme alleine lösen. Für Fehler hat man selbst einzustehen und die Kritik fliegt einem nur so um die Ohren. Um das auszuhalten braucht man unbedingt ein Minimum an emotionaler Reife, damit die Arbeit nicht zum Albtraum wird.

 

4. Du hast ein stabiles soziales Umfeld.

Das kann die Familie sein, gute Freunde, WG-Mitbewohner oder der Partner/ die Partnerin. Wichtig ist, dass es jemanden außerhalb der Universität gibt, mit dem man reden kann, der nichts mit der eigenen Arbeit zu tun hat und einen Gegenpol zum wissenschaftlichen Alltag darstellt.

 

5. Du bist psychisch belastbar.

Niemand ist perfekt und wir alle haben unser Päckchen zu tragen. Aber dass eine Doktorarbeit früher oder später ziemlich an die Nieren gehen kann, ist auch kein großes Geheimnis. Ich denke, man sollte sich zumindest ein paar Gedanken darüber machen, ob man das aushalten kann und will. Eine gute Strategie mit Stress und Fehlschlägen umzugehen, kann dabei auch nicht schaden. Man muss nicht immer gut gelaunt sein, aber man sollte in der Lage sein, auch in schlechten Zeiten den Kopf über Wasser zu halten.

 

6. Du kennst deinen Betreuer/ deine Arbeitsgruppe.

Ganz klar: Wenn du deine Pappenheimer schon vorher kennst, kommen deutlich weniger böse Überraschungen auf dich zu. So oder so sollte einem klar sein, wo Menschen arbeiten, da gibt es schon mal den ein oder anderen Konflikt. Das ist ganz normal. Wichtig ist, wie damit umgegangen wird, ob der allgemeine Ton wertschätzend ist und ob man als eigenständige Person wahrgenommen und gefördert wird.

 

7. Du bist bereit auf gesellschaftliches Ansehen die nächsten 3-5 Jahre zu verzichten.

Als Doktorand landet man gewissermaßen im Job-Limbo. Man ist kein Student mehr, aber einen 0815 Job hat man auch nicht gerade. Viele, die aus einem nicht-akademischen Umfeld kommen, können das oft schlecht einordnen. Das niedrige Gehalt sorgt dafür, dass man immer noch lebt wie ein Student und keine großen Sprünge machen kann, während andere schon ein Haus bauen. Das muss man aushalten können.

 

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Oft hat man Angst, sich durch die falsche Entscheidung wichtige Berufschancen zu verbauen. Aber das ist normal.

 

8. Du bist bereit, auf ein richtiges Gehalt zu verzichten.

Wie oben bereits erwähnt, reich wird man erstmal nicht. Oft ist der Sprung vom Studentenleben zum Doktorand marginal. Das kann schon mal schwierig sein, wenn die Freunde Karriere machen, Geld scheffeln und Urlaub in der Karibik machen.

Möchtest du wissen, ob sich deine Doktorarbeit durch dein späteres Gehalt auszahlen wird? Hier hab ich dir einen kleinen finanziellen Überblick erstellt.

 

9. Du hast ein Thema.

Es schadet definitiv nie, wenn man zumindest schonmal grob einschätzen kann, an was man denn nun eigentlich forschen will. Wer davon noch so gar keine Ahnung hat, sollte ehrlich zu sich sein und die eigentlichen Motive hinterfragen. Denn wenn dich keine wissenschaftliche Fragestellung antreibt, was dann? Sehr gründlich mit sich ins Gericht sollte man gehen, wenn das Thema vorgegeben wurde und eventuell gar nicht so recht zu den eigenen Neigungen und Interessen passt. Wenn der Schwerpunkt der Arbeitsgruppe aber interessant ist, gibt es da auf jeden Fall Verhandlungsspielraum.

 

10. Du magst wissenschaftliches Arbeiten – mit allem Drum und Dran.

Dir sollte bewusst sein, dass eine Dissertation sehr vielfältige Aufgaben beinhaltet, die nicht nur aus Laborarbeit bestehen. Dazu kommen: Experimentdesign, Datenauswertung, Statistik, Projektmanagement, Zeitmanagement, Präsentationen, Seminare, Konferenzen, Reisen, Gastaufenthalte an anderen Universitäten, Studentenbetreuung, Paper lesen, Paper schreiben (Generell viel Schreibarbeit), unter Umständen auch das Schreiben von Anträgen für Verbrauchsmaterial, Reisekosten etc. Das muss man mögen. Wer einfach nur gerne von A nach B pipettiert, wird unter Umständen enttäuscht sein.

 

11. Du möchtest selbstbestimmt Arbeiten und Forschen.

Bei einer richtigen Doktorarbeit hält dir keiner mehr die Hand. Du musst wissen, wo du hinwillst und warum das tust, was du tust. Wenn dich jemand nach deinem Experimentaufbau und den Beweggründen dafür fragt – und das wird früher oder später auf jeden Fall passieren – musst du eine plausible und nachvollziehbare Antwort parat haben.

 

12. Du hast ein gutes Verhältnis zu deinem Betreuer.

Ich denke, dieser Punkt ist mehr oder weniger selbsterklärend und findet natürlich auch nur Gewichtung, wenn du deinen Betreuer schon kennst. Das kann dein Doktorvater/ deine Doktormutter sein oder auch ein Postdoc, der für dein Thema zuständig ist. Wichtig ist dabei, dass die Chemie auf professioneller Ebene stimmt. Man muss nicht zu besten Freunden werden, aber wer auf einer ähnlichen Ebene kommuniziert, der tut sich in vielem leichter.

 

13. Die Stadt, in der du promovieren möchtest, bietet dir eine hohe Lebensqualität.

Kommt einem oft nebensächlich vor, kann aber eine ganz schön große Rolle spielen. Fühlst du dort auch wohl, wo du voraussichtlich die nächsten 35 Jahre verbringen wirst? Gerade für Erholung und allgemeine Lebensqualität spielt das Umfeld eine große Rolle. Dabei können ganz unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen.

Manchen ist wichtig, dass sie viel Grün um sich haben, um sich am Wochenende in der Natur zu erholen. Andere fühlen sich nur in der Großstadt wohl. Ein Dritter braucht vielleicht ein ausgiebiges Sportangebot oder einen ortsansässigen Schachclub.

Falls du an eine neue Uni gehst bzw. in eine neue Stadt ziehst, guck dir folgende Faktoren an: Großstadt/ Kleinstadt, Lebenshaltungskosten, Kulturangebot, Sportangebot, Freizeitmöglichkeiten, Erholungsfaktor, Möglichkeiten bestimmte Hobbys weiterzuführen …

 

14. Du kennst bereits andere Doktoranden aus deiner Arbeitsgruppe und hast dich über ihre Erfahrungen informiert.

Falls du ganz neu in einer Arbeitsgruppe anfängst, ist es relativ unwahrscheinlich, dass die Alteingesessenen vor dir alle Karten auf den Tisch legen. Trotzdem kann man in einem persönlichen Gespräch auch viel zwischen den Zeilen lesen. Ist derjenige enthusiastisch? Wirkt er ausgeglichen und zufrieden oder eher mies gelaunt und gestresst? Das alles können zwar auch nur Momentaufnahmen sein, aber auch wie über die Betreuer/ Kollegen geredet wird, kann aufschlussreich sein.

Wird sich nur vage-positiv und eher unverbindlich ausgedrückt, dann gibt es wahrscheinlich nicht viel wirklich Gutes zu sagen. Aber auch hier ist Vorsicht geboten: Wahrnehmungen sind immer sehr subjektiv und nur weil jemand anderes unglücklich ist, muss das nicht auch für dich gelten. Im Idealfall findest du jemanden der mit dir ehrlich und objektiv die guten sowie die optimierungsbedürftigen Aspekte eines Arbeitsumfelds bespricht.

 

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Manchmal muss man aber auch einfach mal ausprobieren.

15. Die Abbruchquote in deiner zukünftigen Arbeitsgruppe ist niedrig.

Das ist nicht immer so leicht herauszubekommen und direkt nachfragen sollte man wohl auch eher nicht. Hier helfen definitiv die richtigen Kontakte.

 

16. Du bist umfassend über spätere Berufsmöglichkeiten informiert.

Damit meine ich jetzt gar nicht, dass es keine Jobs für Promovierte mehr gibt. Dieses Gerücht hält sich hartnäckig und steht ebenfalls in Kontrast zu dem Mythos, dass es auch für Masterabsolventen mit der Jobsuche schwierig ist. Wenn dem so wäre, dann wären wohl alle Naturwissenschaftler demnächst arbeitslos. Mal ehrlich, so düster ist die Lage nicht. Bis jetzt, ist jeder, den ich kenne, früher oder später irgendwo untergekommen.

Aber eines sollte dir schon bewusst sein: Mit Doktortitel landet man schnell auf der Führungsebene bzw. im mittleren Management. Klingt erstmal gut, aber nicht jeder hat Lust auf so viel Verantwortung und den Stress, der zum Teil damit einhergeht. Mit Doktortitel wir dich niemand für die reine Laborarbeit einstellen. Das muss kein negativer Punkt sein, aber es hilft, sich darüber bewusst zu sein, was man von einem späteren Job erwartet.

17. Du bist umfassend über die technischen Möglichkeiten an deiner Uni/ deinem Institut informiert.

Du hast ein Thema, du hast einen Plan, aber weißt du auch, ob dein Vorhaben so überhaupt durchführbar ist? Viele Methoden erfordern kostspielige Geräte und teure Ressourcen, die nicht immer einfach so zur Verfügung stehen. Es schadet nicht, die wichtigsten Methoden schon im Vorfeld mit der Doktormutter oder dem Doktorvater abzuklären, damit man nachher nicht umplanen muss. Auch eine gewisse Expertise für dein Thema sollte in der Gruppe vorhanden sein, damit du nicht allein auf weiter Flur stehst.

 

18. Du bist bereit, dich mit deinem Thema mehrere Jahre intensiv zu beschäftigen.

Es gibt Leute (und ehrlich gesagt, gehöre ich auch dazu), die sich kurzfristig für ein Thema begeistern können, aber nach ein paar Wochen das Interesse verlieren und sich lieber mit etwas anderem befassen. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen, aber der Witz an einer Dissertation ist ja gerade, dass man sich mehrere Jahre in ein Spezialgebiet hinein fuchst. Bist du ein eingefleischter Generalist, der sich nicht mit Details aufhalten will und lieber das große Ganze sieht, wirst du unter Umständen im Projektmanagement glücklicher werden.

 

19. Du möchtest die akademische Laufbahn einschlagen.

Ganz klar: Willst du Professorin oder Professor werden, bleibt dir die Promotion nicht erspart, denn sie ist die Voraussetzung dafür. Wenn du dieses Ziel vor Augen hast, dann bist du dir aber sowieso schon ziemlich sicher, dass dir der akademische Lifestyle liegt und dann werden auch die Entbehrungen des Doktoranden-Daseins dich nicht abschrecken.

 

20. Du bist gerne flexibel bzw. bereit, auf langfristige Lebensplanung die nächsten Jahre zu verzichten.

Mit unbefristetem Vertrag und gutem Gehalt irgendwo in der Industrie kannst du theoretisch die nächsten 10 Jahre verplanen, ohne dass du dir allzu große Sorgen über deine Existenzgrundlage machen musst. Klar kann auch hier einiges passieren, aber ein Vertrag mit 2 oder 3 Jahren Laufzeit (in einigen Fällen auch mal weniger) ist der planbare Zeitraum von vornherein begrenzt. Danach muss umgeplant, nicht selten auch umgezogen, werden.

Und ob es danach besser wird, hängt wiederum von verschiedenen Faktoren ab. Wer an der Uni bleibt, wird nur sehr schwer eine unbefristete Stelle ergattern können und muss sich von Vertrag zu Vertrag hangeln. Diese Ungewissheit muss man erstmal aushalten können. Für Leute, die regelmäßig Veränderung brauchen, kann das aber wiederum genau das Richtige sein.

21. Du willst dich persönlich weiterentwickeln.

Es ist bestimmt nicht der einfachste Weg, den du da beschreitest aber darum geht’s ja auch nicht, oder? Wann wirst du je weider die Chance bekommen, völlig autark an deinem eigenen Projekt zu arbeiten? Obwohl man viel Druck aushalten muss, bekommt man eben auch die Chance über sich selbst hinauszuwachsen.

 

Fazit

Du wirst beim Lesen dieses Artikels gemerkt haben, dass du nicht alle Fragen eindeutig beantworten kannst. Vor allem, wenn du dich an einer neuen Uni um eine Doktorandenstelle beworben hast, die Stadt und die Leute nicht kennst, bleiben einige Faktoren erstmal ungewiss.

Aber so ist das im Leben nun mal, es ist nicht immer alles planbar und das ein oder andere Risiko muss man eingehen. Dieser Leitfaden hat deshalb auch gar nicht erst den Anspruch, für absolute Gewissheit zu sorgen. Er soll dir helfen, alle Punkte im Blick zu haben, die einen Einfluss darauf haben, wie glücklich und zufrieden du während deiner Doktorarbeit sein wirst.

Und wenn dein Bauchgefühl Ja sagt, ist es vielleicht an der Zeit einfach mal ins kalte Wasser zu springen. Und immer dran denken: Falls sich die Entscheidung später doch als Fehlschlag herausstellt, ist es nicht das Ende der Welt, eine Doktorarbeit vorzeitig zu beenden. Es ist dein Leben und du sollst Freude daran haben und nicht darauf hoffen müssen, dass es irgendwann mal besser wird.

 

 

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