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Lebensfreude

PhD Life: Wieviel Freizeit ist OK?

Manchmal, wenn ich gegen 5 Uhr nachmittags meine Sachen zusammen packe, meinen Laptop wegschließe und meinen Schreibtisch aufräume, überkommt mich das schlechte Gewissen. Vor allem dann, wenn ich sehe, wie alle anderen noch fleissig vor sich hintippen, im Labor stehen oder Daten auswerten.

Oft habe ich dann das Gefühl, ich müsste aus Solidarität ebenfalls länger bleiben, mindestens bis halb 6, aber besser noch bis 7 oder halb 8, einfach nur um demonstrativ zu zeigen: Ich bin nicht faul.

Dabei ist es nicht so, dass ich nicht genügend Arbeitsstunden zusammenbekommen würde. Meistens arbeite ich zwischen 8 und 9 Stunden pro Tag, exklusive Mittagspause. Ich komme gerne früh, so zwischen 8 und halb 9 und lege sehr viel Wert auf vorrausschauende, strukturierte Planung. Damit habe ich mir schon oft eine Menge unnötiger Arbeit erspart.

Auch meine 30 Tage Urlaub nehme ich komplett, denn nur so schaffe ich es, regelmäßig meine Familie und Freunde zu sehen, die alle mehrere Autostunden entfernt wohnen. Den Rest verbringe ich auf Reisen mit meinem Mann, der wegen mir seinen Urlaub natürlich auch nicht alleine verbringen soll.

Ich habe das Glück, dass in meiner Arbeitsgruppe diese Art der Freizeitgestaltung normal ist, weil wir alle der Meinung sind, dass man nur durch einen entsprechenden Ausgleich leistungsfähig bleibt und den Spaß an der Arbeit nicht verliert.

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Trotzdem weiß ich aber, dass das für Doktoranden Luxus ist und viele von uns mit deutlich weniger Freizeit klarkommen müssen. Ich höre Geschichten von Doktoranden und Wissenschaftlern, die sich jahrelang keinen Urlaub genommen haben und viele Wochenenden durcharbeiten.

Vieles mag übertrieben sein, aber Fakt ist, dass wir in erster Linie für uns selbst arbeiten und unser Bestes oft nicht gut genug ist. Um mithalten zu können, bleibt man dann abends schonmal länger oder kommt auch sonntags nochmal ins Labor.

Fehler passieren mir hauptsächlich durch Erschöpfung

Ich selbst habe auf die harte Tour gelernt, dass Überarbeitung ziemlich schnell in eine Sackgasse führen kann, aus der man so einfach nicht mehr herauskommt. Hält der Stress bei mir dauerhaft, also über Wochen und Monate hinweg, an, fällt meine Leistungskurve ab und die Fehlerquote steigt. Letztendlich habe ich dadurch noch mehr Arbeit und der Teufelskreis beginnt.

Deshalb achte ich inzwischen akribisch darauf, meine Experimente großzügig zu planen und viel zeitlichen Puffer einzurechnen. Natürlich bin auch ich ab und zu bis spät abends in der Arbeit, muss die Mittagspause ausfallen lassen oder am Wochenende an etwas schreiben aber das passiert inzwischen nur noch sehr selten.

Wieviel Freizeit ist ok für Doktoranden und Wissenschaftler?

Ich nehme mir quasi so viel Freizeit heraus, wie ich brauche, um normal funktionieren zu können. Aber ist das auch ok oder bin ich mit dieser Einstellung zu ewiger Mittelmäßigkeit verdammt?

Was bedeutet Freizeit überhaupt?

Für viele ist Freizeit, einfach der Teil des Tages, der nicht in der Arbeit verbracht wird. Das heißt aber natürlich nicht, dass wir uns in dieser Zeit zwangsläufig auch entspannen. Einkäufe, Haushalt, Hobbys, Kinder, Familie, Freunde, Sport… Nicht zu Unrecht hört man immer häufiger das Wort „Freizeitstress“. Nicht alles, was wir außerhalb der Arbeit tun, macht zwangsläufig immer Spaß und selbst die schönen Dinge können stressig sein, wenn wir Zuviel davon machen müssen.

Dazu kommt der gesellschaftliche Druck, möglichst viel aus seinem Leben machen zu wollen. Es reicht nicht, abends nach Hause zu kommen und die Füße hochzulegen. Nach Feierabend und am Wochenende sollen wir gefälligst trainieren, feiern gehen, alte Freunde treffen und möglichst viel unternehmen.

Wieviel freie Zeit braucht man zum Glücklich sein?

Im Schnitt haben die Deutschen 4 Stunden reine Freizeit pro Tag (so eine Studie der GfK), Zeiten für Haushalt etc. schon herausgerechnet. Das klingt für mich nach viel, trotzdem wird in diesen 4 Stunden nicht wirklich viel unternommen und der Großteil davon mit Fernsehen verbracht.

Dabei möchte ich mich selbst gar nicht ausnehmen, denn nach einem stressigen Tag schalte ich auch ganz gerne mal einfach nur die Glotze an und lasse mich berieseln. „Nur nichts mehr denken müssen“ ist dann die Devise.

Die Frage für mich lautet deshalb: Reichen zwei Stunden Fernsehschauen am Abend wirklich aus um sich genügend zu erholen? Das ist übrigens keine rhetorische Frage, sondern ganz ernst gemeint. Wir glauben oft, unsere Zeit immer mit möglichst viel Sinn füllen zu müssen, dabei kann es auch mal ganz schön sein, überhaupt nichts Sinnvolles tun zu müssen.

Ich selbst liebe alles, was mit einer guten Geschichte einhergeht. Das können Bücher sein, Hörbücher, Filme, Serien oder Computerspiele. Ich könnte damit meine komplette Freizeit verdaddeln.

Wieviel Freizeit ist ok für Doktoranden und Wissenschaftler?

Trotzdem ist auch bei mir irgendwann das Maß voll, denn so viel Spaß mir diese Dinge auch machen, möchte ich mich dann doch auch irgendwann wieder etwas nützlich fühlen.

Übrigens hat eine Studie des Journals Applied Research in Quality of Life ergeben, dass Jugendliche mit zu viel Freizeit auch nicht glücklicher sind. Offenbar kommt es auf genau die richtige Menge an um mit seinem Leben zufrieden zu sein.

Quantität ist nicht gleich Qualität

Viel freie Zeit zu haben macht also nicht zwangsläufig glücklicher, wenn wir nicht wissen, was wir in dieser Zeit eigentlich mit uns anfangen sollen. Im schlimmsten Fall, macht es uns sogar unglücklicher, wenn wir in unserem Arbeitsleben überfordert sind und uns zuhause dann nutzlos fühlen.

Ich habe ziemlich lange gebraucht um für mich selbst die richtige Balance zu finden aber im Moment bin ich zufrieden mit mir. Ich mag die langen Tage in der Arbeit, weil ich weiß, dass das was ich tue einen Sinn hat aber auch weil ich weiß, dass es irgendwann wieder normale Tage geben wird.

Wieviel Freizeit ist ok für Doktoranden und Wissenschaftler?

Wenn ich Erholung nötig habe, dann gönne ich sie mir, weil mich nichts mehr frustriert, als das Gefühl nicht zu hundert Prozent bei der Sache zu sein. Ich möchte mich auf meine Arbeit und meine Ergebnisse verlassen können ohne Angst haben zu müssen aus Überarbeitung Fehler gemacht und es vielleicht noch nicht einmal bemerkt zu haben.

Ich weiß, dass es die richtigen Rahmenbedingungen braucht um das eigene Arbeitspensum flexibel gestalten zu können. Meine Frage deshalb an euch: Fühlt ihr euch überarbeitet oder seid ihr genau richtig ausgelastet? Könnt ihr euch ohne schlechtes Gewissen entspannen?

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